Totalschaden

„Als ich zum ersten Mal meinen Sohn allein über die Straße gehen ließ, habe ich ihn „natürlich“ vorher konditioniert und ihm eingetrichtert, wie verkrüppelt man sich vor und beim Überqueren an der Straße verhalten müsse, dass der Bordstein der Haltestein sei und dass Kinder mindestens zweimal links und rechts schauen müssen und erst dann losgehen dürften, weil sie den Straßenverkehr sowieso nicht einschätzen könnten. Aha. Können sie nicht. Und warum gibt es dann den Straßenverkehr, wenn Kinder ihn nicht einschätzen können? Wäre das nicht Grund genug ihn abzuschaffen um unserer Kinder willen? Das ist doch einfach.

Aber nein, die Kinder werden konditioniert. Also, ich sah vom Fenster aus, wie mein Sohn alles richtig machte und wie er die breite, gerade und schnell befahrene Straße tapfer und völlig korrekt überquerte. Mein ganzes restliches Leben würde ich mir nun Sorgen machen, war mein Gedanken wenn er zur Schule geht, wenn er Fahrrad fährt, wenn er Moped oder einen Roller verlangt, wenn ich ihm den Führererschein bezahlen soll und schließlich so eine Scheißkarre, oder einfach eben nur, wenn er über die Straße geht.
Was sind das bloß für idiotische Diskussionen über die Gefährdung unserer Kinder durch Sexualtäter auf der Straße, durch Gewalt in der Schule, durch Kampfhunde, Schweinegrippe und Drogenhändler an der U-Bahn Station. Alles Kokolores im Vergleich zum Autoverkehr, marginal, vernachlässigbar.
Der Autoverkehr ist der Killer Nr.1 unserer Kinder.

Was sich mir jeden Tag vermittelt, ist die „eingebaute Vorfahrt“ des Autos. Ein Vorrecht, das gesetzlich so nicht verankert ist, das aber tatsächlich existiert und einen der zentralen Stützpfeiler des Autoverkehrs darstellt. Ein Vorrecht, das die Straßen zum Kfz-Freiraum erklärt und Fußgänger zu Verkehrsteilnehmern zweiter Klasse degradiert.
Beide Textauszüge aus dem Buch „Totalschaden – Das Autohasserbuch“ von Klaus Gietinger