Verkehrsberuhigende Maßnahmen

2017-02-22„Straßen werden sicherer“ so lautet zumindest die Schlagzeile. Abgesehen davon das die beschrieben Maßnahmen auf der falschen Ebene einsetzen und daher untauglich sind, bewirkt die geplante Einbahn in der Kellergasse sogar eine gegenteilige Wirkung, nämlich eine Erhöhung der Geschwindigkeiten durch nun mögliche, gegenverkehrsfreie Fahrt. Gerade an den am Stärksten belasteten Bereichen wie der Laaerstraße werden wiedereinmal keinerlei Aktionen gesetzt..

Die Anrainer der Laaerstraße bekommen nichts. Es ist seit Jahrzehnten keine Entlastung absehbar. Weder die effektivste Entlastung in Form einer Umfahrung, noch andere, kurzfristig umsetzbare Methoden an verkehrsberuhigenden Maßnahmen.

Verkehrsinsel

ortseinfahrt-harmannsdorf-inselortseinfahrt-rueckersdorf-inselIn praktisch jedem anderem Ort gibt es mittlerweile zumindest eine Verkehrsinsel bei den Ortseinfahrten, was zumindest einen Anfang darstellen würde und wenigstens den Willen erkennen lässt irgendetwas zu tun.

Verkehrsinseln bei den B6-Ortseinfahrten nach Rückersdorf und Harmannsdorf wären übrigens relativ einfach zu realisieren. An beiden Einfahrten wäre Platz genug für Verkehrsinseln. Diese Inseln sind auch nach der Umsetzung der Umfahrung sinnvoll, da sie zur Verkehrsverlagerung auf die Umfahrung beitragen und die Geschwindigkeit der Fahrzeuge bei den Ortseinfahrten aber auch im Ort effektiv senken.

ortseinfahrt-harmannsdorfBei einer konsequenten Umsetzung von verkehrsberuhigenden Maßnahmen reichen aber singuläre Maßnahmen wie Verkehrsinseln nicht aus. Aber sie wären zumindest ein Anfang und wie bereits erwähnt auch kein Widerspruch, sondern vielmehr eine sinnvolle Ergänzung zur Umfahrung.

Prioritäten in der Verkehrsplanung

Trennwirkung-StraßeGenerell ist das Aufstellen von Verkehrsschildern (Tempo 30 z.B.) die am wenigsten wirksame Methode für Verkehrsberuhigung, da sie auf einer vollkommen falschen Ebene wirkt. Oder glauben sie eine Schulklasse wäre in einer unbeaufsichtigten Freistunde in der Klasse nur deshalb ruhig, weil die Lehrerin einen dem entsprechenden Zettel „Es wird um Ruhe gebeten“ auf die Wand hängt..?

Effektiver ist es in das unbewusste Verhalten der Autofahrer einzugreifen. Deshalb hat richtige Verkehrsplanung auch mehr mit der Psychologie und dem Verhalten von Menschen zu tun als mit Regelquerschnitt und Kurvenradien..

Die Beeinflussung des automatisierten, unterbewussten Verhaltens schafft man jedoch nur mit baulichen Maßnahmen. Diese sind im dem Artikel Verkehrsberuhigung im Ansatz beschrieben. Aus der Autofahrerperspektive lesen sich diese Maßnahmen jedenfalls utopisch und stoßen zuerst immer auf vehemente Ablehnung.

Das ist aber ganz natürlich und auch nachvollziehbar, denn Verkehrsplanung aus der Perspektive eines Autofahrers durchführen, bedeutet den Bock zum Gärtner zu machen. Der Autofahrer wird das Umfeld und damit auch den öffentlich Raum immer so gestalten, dass sich sein Auto auch wohl fühlt. Und genauso schaut unser öffentlicher Raum und unsere Orte auch aus.. Viel Platz für Autos und LKW und wenig Platz für Menschen und deren Bedürfnissen.

Wenn man jedoch ein Dorf für Menschen gestalten will, muss man folgerichtig deren Bedürfnisse auch an erster Stelle stellen. Eine menschenorientierte Planung muss daher konsequenterweise auch bei den Bedürfnissen der Menschen beginnen. Und hier vor allem bei den schwächsten Verkehrsteilnehmern, also den Fußgängern mit besonderem Augenmerk auf Kinder und ältere, gebrechliche Menschen.(vermindertes Gehör und Mobilität, Rollstuhlgerechtigkeit, usw.) Danach folgen Radfahrer, öffentlicher Verkehr, Liefer- und Rettungsdienste und erst zum Schluss die heilige Kuh, das geliebte Auto.

Wen man als Autofahrer zum ersten Mal mit derartigen Gedanken konfrontiert ist, tut das natürlich weh. Der Autofahrer betrachtet sich und sein Auto als eine Einheit, fühlt sich persönlich in seiner Freiheit eingeschränkt und geht sofort in Verteidigungshaltung. Wenn sie (als vermutlich ebenfalls von Zeit zu Zeit in die Rolle des Autofahrers schlüpfenden Menschen) diese Zeilen lesen, versuchen sie sich von diesen ersten ablehnenden Gedanken zu lösen und begeben sie sich auf diese gedankliche Reise.

 

Die Spezies Autofahrer

goofy-motoe-maniaJeder Mensch verändert, sobald er in ein Auto einsteigt sein Verhalten. Durch den enormen Gewinn an Leistung und Geschwindigkeit bei gleichzeitiger Minimierung der eigenen Energien bekommt der Mensch als Autofahrer unterbewusst in eine Art Rauschzustand. Das Energiezentrum im Unterbewusstsein vermittelt dem Mensch den Eindruck, gerade äußerst effizient unterwegs zu sein. Leistungssteigerungen um das Vielfache bei gleichzeitiger Minimierung der körperlichen Ressourcen sorgen für einen Glückszustand und diesen beschrieben rauschähnlichen Zuständen.

Aber nicht nur der eigene Körper sorgt für ein Wohlgefühl. Auch die gesamte, autoorientierte Umwelt vermittelt, wo man hinschaut Privilegien. Fußgängerfreie (im Idealfall auch Fahrradfahrerfreie) und gut ausgebaute Straßen, hohe Tempolimits, gratis Parkplätze im öffentlichen Raum und der sich um die Autofahrer kümmernde, bemutternde Verkehrsfunk sorgen für weitere Glücksmomente.

Der Schaden den das Auto direkt in Form von Lärm, Abgasen und Gefahr für Leib und Leben der Anderen anrichtet ist dem autofahrenden Menschen wenn er selbst in seinem Auto sitzt gar nicht bewusst. Der Schaden den das Auto indirekt, zeitlich und örtlich verschoben verursacht ist, noch weniger greifbar.

walle-e-humans-in-the-spaceshipDer Autofahrer sitzt in seinem gut schallgedämmten Fahrzeug in seinem weichen, gepolsterten Sitz, ist beschallt durch Musik und ist von Umwelteinflüssen wie Lärm, Abgase, Kälte, Regen, Wind oder Schnee nicht betroffen.

Andere Mensch in Form von Radfahrer und Fußgänger werden aus dieser Perspektive nur als ärgerliche Hindernisse wahrgenommen. Bei Bedarf wird die eigene Überlegenheit auch deutlich zum Ausdruck gebracht und diese abgedrängt, angehubt und beschimpft.

Der Mensch verwandelt sich sobald er im Auto sitzt förmlich zu einer eigenen Spezies, dem „Autofahrer“ da er sich zur Gänze mit dem Auto identifiziert. Andere Autos werden als Artgenossen angesehen. Menschen hingegen als eine andere Spezies, die in das eigene Territorium(Straße) eindringt und aggressiv bekämpft werden muss. Kein Mensch würde sich als Fußgänger so wie ein Autofahrer verhalten, vor ihm gehende von hinten anschreien, abdrängen oder zum Stehen bleiben zwingen. Das wäre unter Menschen ein asoziales Verhalten. Unter Autofahrern und speziell zwischen Autofahrern und Menschen ist das normal.

Sobald der Autofahrer aber aus dem Auto aussteigt und selbst zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist, betrachtet er die Autofahrer jedoch ebenfalls als Bedrohung, sieht die Gefahren für sein Leib und Leben und hat speziell Angst wenn er an die Gefahren für seine Kinder denkt.

 

Verkehrsplanung für Autos anstatt für Menschen – das verlorene Dorf

Es ist mit logischen Argumenten und Vernunft eigentlich nicht erklärbar, warum man die eigene Spezies bei der Planung ganz am Schluss betrachtet und die Spezies der Autos ganz am Anfang.

Unsere jetzige Verkehrsplanung beginnt fälschlicherweise bei den Stärksten. Wir haben für Lastwagen und PS-starke Autos ein für sie optimales Umfeld geschaffen. In den Straßenraum werden überdimensionale Fahrbahnen geklotzt, seitlich Parkplätze und was dann übrig bleibt das ist dann für die nicht Auto fahrenden Menschen. Breite, gerade Rennpisten ohne Hindernisse mit garantierter freier Fahrt. Und wenn es jemand wagt die freie Fahrt zu beeinträchtigen, kann er sich auf was gefasst machen..

Rückersdorf-Laaerstrasse-1916Durch die schleichenden, sukzessiven Veränderungen ist uns gar nicht mehr bewusst, wie unser Lebensraum und unsere Dörfer früher ausgeschaut haben. In der Zeit vor den Autos, als die Straßen noch als öffentlicher Raum für das genützt wurde für das er eigentlich ursprünglich gedacht war. Als unsere Kinder noch auf der Straße spielen konnten. Als auf der Straße noch eine Unterhaltung möglich war, Neuigkeiten ausgetauscht wurden und so das soziale Gefüge des Dorfes gefestigt wurde.

Aufgrund der falsch geplanten und gebauten Infrastruktur wird der öffentliche Raum heute von Autos und deren Infrastruktur dominiert. Als Folge hat sich auch unser Verhalten im öffentlichen Raum angepasst. Eine Kommunikation aus dem Auto ist sowieso nicht möglich und endlich bei der Garage angekommen, schaut jeder Autofahrer das er so schnell wie möglich in seiner Garage verschwindet.

 

Straßen vs. Gehsteige

Wenn die Straßen so gebaut werden würden wie unsere Gehsteige, hätten wir vermutlich kein Verkehrsproblem.

gehsteig-rueckersdorf-laaerstrasseBetrachten wir die Gehsteige. Die meisten Gehsteige haben eine Breite von gerade einmal 1,2 Meter. Viele sogar noch weniger.. Das reicht nicht einmal um neben einander zu gehen oder um Gegenverkehr ohne auszuweichen oder stehen zu bleiben zu bewältigen. Dazu kommen Einbauten wie Straßenlaternen, Stromkästen, Briefkasten sowie parkende Autos die den ohnehin zu geringen Platz noch weiter schmälern..

Die Ausführung von Gehsteigen auf Straßen umgelegt würde bedeuten, dass die Fahrbahnen wesentlich schmäler wären, so dass bei entgegenkommenden Fahrzeugen ein Fahrzeug stehen bleiben müsste. Die gesamte Fahrbahn hätte dann Platz für gerade ein Fahrzeug, also ca. 2,5 maximal 3 Meter. Ausweichbuchten würden das passieren von entgegenkommenden Fahrzeugen ermöglichen. Durch diverse Einbauten und Verschwenkungen (wie bei unseren Gehsteigen) würden sich die Geschwindigkeiten bei maximal 30km/h einpendeln – die ideale Geschwindigkeit für Ortsgebiete. Auf einem Schlag wäre das Sicherheits- und Lärmproblem gelöst und die Verkehrsmenge würde sich (mittelfristig) ebenfalls auf ein erträgliches Maß einpendeln.

if roads were like bike lanesWenn die Gehsteige so gebaut werden würden wie momentan die Straßen, dann würden auch viel mehr Menschen zu Fuß gehen und mit dem Rad fahren.

Nach wissenschaftlichen Berechnungen müsste der Gehsteig bei gleicher, luxuriöser Dimensionierung wie momentan die Straßen dimensioniert sind ca. 4 Meter breit sein. Wir hätten breite Gehsteige und können als Gruppe nebeneinander gehen. Das was uns beim Wandern oder spazieren gefällt, das nebeneinander her gehen und reden, das wäre dann auch im Ort möglich. Gar nicht vorstellbar..

Wie erbärmlich und menschenunwürdig ist da dagegen der jetzige Zustand..IMG_0336

Diese Gedankenmodelle (Sicht Autofahrer – Sicht Fußgänger, Fahrbahn – Gehsteig) sollen ermöglichen, das wir wieder einen klaren Blick auf unsere von uns selbst gebaute Umwelt bekommen.

  • Was muten wir uns zu?
  • Warum hat der Mensch in der öffentlichen (Verkehrs)planung einen so geringen Stellenwert?
  • Warum opfern wir unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität, wenn es auch andere Lösungen gäbe?

Wir sind abgestumpft. Die meisten von sind bereits in einer autoorientierten Umwelt aufgewachsen und wissen gar nicht mehr, wie es sich anfühlt in einer autofreien Umgebung zu leben. Wir können es nachempfinden wenn wir uns in Fußgängerzonen bewegen, oder im Urlaub auf einer Wanderung. Aber wir könnten den Zustand der Ruhe, der Entspannung auch im Ort haben. Und das nicht nur für wenige Tage im Jahr, sondern jeden Tag!

Wir brauchen uns nur dazu entschließen, die Prioritäten für die Planung des öffentlichen Raums zu korrigieren.

Bei einer nachhaltigen und menschlichen Planung müssen die Bedürfnisse der Menschen an erster Stelle stehen und man sollte sich fragen :  Was braucht der:Traffic Planning 2

  1. Fußgänger
  2. Radfahrer
  3. öffentliche Verkehr
  4. Lieferdienste, Rettung, Feuerwehr
  5. Autos, Lastwagen

In der breiten Masse der Bevölkerung und damit auch in der Politik und der Verwaltung ist uns der neutrale, wertfreie Blick auf die aktuellen Zustände gar nicht möglich. Es fehlt das Bewusstsein für die vielen verloren gegangenen Dinge die früher normal waren in einem Dorf. Es fehlt das Bewusstsein für die verloren gegangene Lebensqualität. Artikel wie diese sollen wieder eine Bewusstseinsbildung ermöglichen. Je mehr Menschen über diese Problematik und die möglichen Lösungen Bescheid wissen, desto wahrscheinlicher ist eine Trendwende zu einer menschlicheren Verkehrsplanung. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Nachtrag: Jene Autofahrer die diesen Text lesen und nicht verstehen (und das sind wahrscheinlich die Mehrheit..) sei eine Radfahrt von Rückersdorf über die B6 nach Korneuburg empfohlen. Am besten zur Stoßzeit zwischen 7 und 8 Uhr in der Früh oder zwischen 15 und 17 Uhr Nachmittag . Ein kleiner Perspektivenwechsel soll ja manchmal sehr erfrischend sein..

 

Weiterführende Informationen mit vielen Bilder und Visualisierungen unter nacto.org

Anschauliche Beispiele finden sich auch in einer Broschüre des Amt der NÖ Landesregierung: Amt der Nö Landesregierung Verkehrsberuhigung.pdf
Leider haben die Verantwortlichen vor Ort wenig Kenntnis über aktuelle, zeitgerechte Verkehrsplanung und Verkehrsberuhigende Maßnahmen..

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