Straße

„Es gibt noch immer Landstriche, wo am Samstagnachmittag die Frauen mit einem Reisigbesen auf die Straße kommen und sie ein gutes Stück weit bis zur Mitte kehren. Die Dorfstraße gehört allen gemeinsam, heißt das. Sie ist nichts Fremdes, für das irgendeine abstrakte Verwaltung zuständig wäre. Die Straße gehört mit zum Haus. Und jeder trägt sein Teil, daß es sich gut leben läßt in einem schöneren Dorf.“

„Die Brutalität des Durchgangverkehrs hat diesen Brauch in den meisten Dörfern ausgelöscht. Die Straße ist laut geworden, feindlich, tödlich. Die Dorfstraße, einst die Mitte des Dorflebens, ist zur feindlichen Durchfahrtspiste geworden.  Das Dorf bricht auseinander. Aus dem Miteinander wird ein Gegenüber. Hunderte Lastkraftwagen fahren hier täglich durch. Einige Meter neben Bett und Eßtisch der Bewohner vorbei. Die Häuser von Dreck und Salz besprüht. Was für ein Leben muten wir uns zu? Die Eile der Durchrasenden ist wichtiger als das Leben der Bewohner.“

Textauszug aus „Bauen und Bewahren auf dem Lande“ von Dieter Wieland.
Erhältlich beim Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Erstauflage 1978!