Erlebnisse..

Wie erlebt der Fußgänger die von Verkehrsplanern und Politikern gestaltete Struktur?

Trennwirkung-StraßeBetritt er den Gehsteig, dann wird ihm zwar erzählt, der Gehsteig wäre zu seinem Schutz gebaut geworden, in Wirklichkeit spürt er aber, dass er seinen Bewegungsraum einengt, ihn zu Umwegen zwingt, also eine Art Maßregelung darstellt.

Nehmen wir eine Frau mit Kindern oder einen Fußgänger mit Gepäck dann kann man ermessen, welches Ausmaß negativer Empfindungen und Erfahrungen für diese Art der Verkehrsteilnehmer schon in diesem Teil des Verkehrssystem vorbereitet wurde.

Der Anblick parkender Autos erzeugt im besten Fall Frustrationen oder Hilflosigkeit. Auf jeden Fall sind sie eine Einschränkung des Sichtfeldes, eine Störung des optischen Empfindens und erweckend den Eindruck, dass der Lebensraum von diesen Fahrzeugen besetzt ist. Wenn man sich ein Kind vorstellt, das hier gerne spielen würden dann weiß dieses, das es sich in einem Raum voller Verbote bewegt.

Die Fahrbahn ist für ihn eine potentielle Todeszone, die Abgase, die er einatmet, sind eine Belastung, der Lärm ein Kennzeichen der Gefahr. Er bewegt sich in einem von der Planung erzeugten Raum des Unbehagens und der Gefahren. Zuwendung erfolgt von keiner Seite, sondern im Gegenteil, eher Missachtung. Er ist der Witterung ausgeliefert zum Unterschied vom Autofahrer, der sich wohlig in seiner klimatisierten Kabine bewegt.

Er wird respektlos behandelt und, falls er den nötigen Respekt nicht aufbringt, von der Horde der Autofahrer unter Androhung von Tod und Verletzung aus „ihrem Lebensraum“ vertrieben, wenn er es etwa wagt, außerhalb der für ihn vorgesehenen Korridore über die Fahrbahn zu gehen.

Die Bebauung und die gesamte Infrastruktur erzeugen für ihn den Eindruck von Gefahr, Abschreckung, Abstoßung, Bedrohung, Einschränkung, Verbot und auch des normalen Verhaltens. Der heute gestaltete Raum bietet für Fußgänger überwiegend negative Erfahrungen.

 

 

Wie erlebt der Autofahrer die Strukturen?

walle-e-humans-in-the-spaceshipNatürlich ist auch der Autofahrer Mensch – bis er das Auto erreicht. Aber bereits in dieser Phase denkt und handelt er wie ein Autofahrer, denn das Auto hat auf den tiefsten Evolutionsschichten bereits von ihm und damit auch von seinem Denken Besitz ergriffen. Befindet sich der Parkplatz, wie es heute meist der Fall ist, im Straßenraum, dann erlebt der Autofahrer etwa folgende Wirkungsmechanismen:

Er betritt den Gehsteig, und erlebt diesen – als Autofahrer – bereits als Maßregelung gegen den Fußgänger, im Sinne seines weitern ungestörten Bewegungsablaufes, also eine positive Rückkopplung. Der Gehsteig sorgt dafür, dass er sich später überlegen, ungehindert und frei im öffentlichen Raum bewegen kann, wozu ihn auch das Recht mit entsprechenden Befugnissen ausstattet.

Nimmt er sein Auto wahr, assoziiert er damit bereits Kraft und Überlegenheit und viele andere Attribute, die ihm vielleicht als normalen Menschen abgehen oder Probleme bereiten.

Bereits die Möglichkeit des Parkens auf der Straße wird im Unterbewusstsein verrechnet, da ihm die Bodenpreise der Umgebung bekannt sind und er auf diese Art und Weise 20m2 Boden von der Öffentlichkeit kostenlos oder um einen geringen Betrag zur Verfügung gestellt bekommen hat. Allein das Bewusstsein öffentliches Gut besetzen zu dürfen, ist eine starke positive Rückkopplung. Der Geldwert eines Parkplatzes im städtischen Raum liegt bei 500 bis 800 Euro im Monat, wenn dieser Platz in der normalen Marktwirtschaft gehandelt wird. Der Autofahrer erhält diesen Platz umsonst oder um eine lächerliche Abgabe und gegen jede Erhöhung ziehen seine Interessensvertreter für ihn bereits in den Kampf. Das heißt, er ist in eine Vielfalt an positiven Rückkopplungen eingebettet.

Platz fuer Autos - kein Platz fuer KinderDie überdimensionierten Fahrbahnen, die ihm heute angeboten werden, vermitteln ein zusätzliches Gefühl der Überlegenheit und Macht und vor allem Freiheit. Schaltet er sein Radio ein, dann wird ihn eine Zuwendung von den Medien gewährt, wie sie erwachsene Menschen sonst nirgends im Leben widerfährt. Alle seine Regungen werden, wie nirgends sonst, positiv rückgekoppelt. Er erhält auch die Information über die Leiden seiner Artgenossen, wenn eine Gruppe seiner Spezies irgendwo den Fuß vom Gaspedal nehmen musste, oder wenn gar einer von seiner Art irgendwo längere Zeit im gut klimatisierten Auto sitzt und nicht sofort ungehindert weiter rasen kann.

Das Auto vermittelt ihm, schon durch die Ausstattung, durch den unglaublichen Energieaufwand für Heizung und Bewegung, idealen Komfort und wird heute noch massiv durch sogenannte „intelligente Informationsmedien“ unterstützt. Das heißt, sein Hirn kann auf die elementaren Funktionen zurückschalten und kommt durch Verminderung geistiger Anstrengung zu einem zusätzlichen Genuss.

Beim Recht weiß er, dass alle Kundmachungen, die er in Firm von Signalen und Wegweisern antrifft, eigentlich zu seinem Schutz und seinem Vorteil dienen. Er bewegt sich in einem von den Artgenossen geschützten Rechtssystem, das auch zunehmend von den höchsten Gerichten gegen fundamentale Menschenrechte, wie dem Recht auf reine Luft, auf Nachtruhe und auf sichere Lebensbereiche, verteidigt wird. Besonders dann, wenn er dem Club dieser Artgenossen in Form der verschiedenen Autofahrervereine beigetreten ist, wird er in dieser Rechtsauffassung öffentlich unterstützt.

Er fühlt sich sicher, weil er niemals oder nur sehr selten in Informationsprobleme kommt. Schon die alte, herkömmliche, statische Art der Wegweisung hat an jeder Ecke dafür gesorgt, dass er niemals Zweifel über die anzufahrenden Ziele bekommt. Die Wegweisung ist excellent. Heute ist die Wegweisung für ihn überhaupt wunderbar, weil sie nicht nur optisch, sondern auch akustisch ins Auto übertragen wird und ihn eine angenehme Frauenstimme jeweils rechtzeitig darauf aufmerksam macht, wo er sich hinzubewegen hat. Die Umgebung ist ihm damit völlig gleichgültig. Die absolute Isolation und Gleichgültigkeit gegenüber der Gemeinschaft wird damit nahezu erreicht.

Durch die jahrzehntelange Dressur der gesamten Gesellschaft ist jedem Autofahrer großer Respekt gewiss. Diesen Respekt kann er noch durch entsprechende Automarken, Embleme, Zubehör u. dgl. deutlich erhöhen. Das Einzige, was ihm manchmal Sorgen bereitet, ist, ob er am Zielort auch genau den Parkplatz bekommt, den er haben will. Wehe der Verwaltung, die diese Wünsche nicht sofort und auf Dauer erfüllt.

Sein Anspruchsniveau steigt damit ins Uferlose, der Realitätsverlust ist zwangsläufig gegeben.

Den Autofahrern ist in dieser Art des Systems, wie es von den Planern und der Verkehrspolitik bisher organisiert wurde, überhaupt kein Vorwurf zu machen. Sie reagieren absolut logisch, wenn es ihnen die Rahmenbedingungen in dieser Form „erzählen“. Das von den Planern und von den Verkehrspolitikern errichtet und betriebene Informationssystem, bestehend nicht nur aus Fahrbahnen, Kreuzungen, also baulichen Anlagen, sondern auch aus dem Informations-, Rechts- und Finanzsystem, erzeugt dieses Verhalten.

Textauszug aus „Grundlagen der Verkehrs- und Siedlungsplanung“ von Hermann Knoflacher

 

 

Advertisements